Brel

Der Mann, der eine Insel war

 

Mare Verlag, Hamburg 2016

2. Auflage 2016

240 S., Abbildungen, Zeittafel,

Bibliographie, Diskographie

ISBN 978-3-86648-239-5

 

Er war wild, unbequem, provokativ und verführerisch, und er brachte es zu Weltruhm: Jacques Brel.  Doch auf dem Höhepunkt seiner Karriere schockierte der belgische Chansonnier seine Fans, indem er der Bühne für immer den Rücken kehrte. Von nun an gab er sich seinen anderen großen Leidenschaften hin: dem Filmemachen, dem Fliegen, dem Segeln und den Frauen.

Jens Rosteck folgt dem Getriebenen auf seiner Lebensreise bis ans Ende der Welt - und lässt auf intelligente und kurzweilige Weise Musikgeschichte lebendig werden.


„Es gibt zwei Arten von Menschen:

Es gibt die Lebenden.

Und mich.

Und ich, ich bin auf See."

 

Ein knappes Jahrzehnt bevor Leonard Cohen und Bob Dylan sich aufmachten, die Welt zu erobern, betrat ein nicht mehr ganz junger Belgier mit demselben Ziel die Bühnen von Paris: ein schlaksiger Barde namens Jacques Brel. Bald lag die Welt des Chansons dem beeindruckenden Sänger mit der expressiven Mimik zu Füßen. Brel bezirzte das Publikum durch seine Darbietung und sein Repertoire, in dem er neben seltenen Ausflügen in die Melancholie raue Matrosen-Romantik zelebrierte, sich über Spießer mokierte oder zarte Worte für das Altern und die Zerbrechlichkeit der Liebe fand. 1967, auf dem Höhepunkt seines Ruhmes, beendete er völlig unerwartet seine Bühnenkarriere. Als habe er geahnt, wie wenig Zeit ihm noch blieb, frönte er jenseits des Rampenlichts umso exzessiver seinen Leidenschaften: den Frauen, dem Filmemachen, dem Fliegen und dem Segeln. Seine monatelangen Segeltouren führten Brel schließlich ans Ende der Welt: nach Polynesien. Hier lebte er als direkter Nachbar von Paul Gauguin, verdingte sich als fliegender Briefträger und schien endlich angekommen. – Bis er, mit nur 49 Jahren viel zu früh, auf "seiner" Insel Hiva Oa die letzte Ruhe fand.

Mit großer Kennerschaft und Einfühlung nähert sich der Musikwissenschaftler und Frankreich-Spezialist Jens Rosteck dem facettenreichen Leben und Schaffen des Ausnahmekünstlers Jacques Brel. Er beleuchtet den oft widersprüchlichen, umtriebigen Charakter des großen Zweiflers, liefert feinsinnige Interpretationen einiger ausgewählter Chansons und erweckt auf gewohnt intelligente und kurzweilige Weise Musikgeschichte zum Leben. 



 

Stimmen und Rezensionen


"Jacques Brel. Der Gigant unter den Chansonniers. DAS Synonym für Musik, die unter die Haut geht. Einer, der zwischen Liebe, Gewalt und Enttäuschung jenen Ton fand, der seine Fans in den Abgrund blicken ließ. Sie aber zuverlässig und in letzter Sekunde vorm Absturz rettete. Im Grunde war er nie der Pessimist, für den ihn alle hielten

Im Mare Buchverlag ist jetzt eine wunderbare Biographie über Jacques Brel erschienen. Jens Rosteck erzählt in „Brel – Der Mann, der eine Insel war“ alles über den Mahner und Magier Brel. Über eine belgische Kindheit, die 'einfach so vorbeiging' – aber eine lebenslange Sehnsucht nach dem „Guten, Wahren, Schönen“ hinterließ. Über ein rastloses Unterwegssein und die ständige Suche nach dem Glück.

Über einen Künstler, der weg wollte vom verlogenen Spießertum – und sich gern der Melancholie oder der rauen Matrosenromantik überließ. Rostecks Buch kann man lesen wie einen Roman – oder aber wie ein Sachbuch, mit dem wir uns dem Ausnahmekünstler Jacques Brel auf ungewöhnliche Weise nähern und seine Musik neu verstehen lernen."

Radio Bremen, 8. März 2016



"Jens Rosteck, der profunde Musikwissenschaftler, hat bereits eindrückliche Biographien über Hans Werner Henze, Lotte Lenya und Kurt Weill oder die Piaf vorgelegt. Brel ist sein persönlichstes und erschütterndstes Buch.

In einer Zeit, da lediglich kommerziell erfolgreiche Künstler-Darsteller peinlicherweise Stars genannt werden, macht der kluge, philosophische Blick des Autors auf das Leben eines völlig unangepassten Ausnahmekünstlers wie Brel fast melancholisch.

Der Mann, der eine Insel war ist eine Pflichtlektüre nicht nur für frankophile Chansonliebhaber. Es ist ein eigenständiges literarisches Werk, das Brel auf Augenhöhe beschreibt und das alle Leser animiert, sofort wieder die zeitlos schönen Brel-Chansons zu hören."

rbb Kulturradio, 21. März 2016

 


 

Der einsame Gigant der Liedkunst

 

„'Ein knap­pes Jahrzehnt, bevor Leonard Cohen und Bob Dylan sich auf­machten, die Welt zu erobern, betrat 1953 ein nicht mehr ganz junger Belgier mit demselben Ziel zunächst die drittklassigen Bühnen von Paris: ein schlaksiger Barde namens Jac­ques Brel. Bald lag die Welt des Chansons dem eindrucksvollen Mann mit der expressiven Mimik zu Füßen': Mit diesen Worten eröffne­te der Autor und Musikwissenschaft­ler Jens Rosteck in der Galerie Merkel seine musikali­sche Lesung über einen Mann, der nicht nur für alle seine Fans völlig überraschend 1967 seine Karriere abrupt beendete: 'Er ging, als es am Schönsten war.'


 

Der Mann, der eine Insel war, titelt Rosteck sein Buch, in dem er das Bild des Menschen Brel zeichnete, wie ihn die Welt so wohl kaum kennt. Galerist und Buchhändler Wil­fried Merkel war stolz, dass Rosteck die Premierenlesung seines neuen Buchs in Grenzach hielt. Der Autor beschränkte sich nicht nur auf das Wort, er ergänzte mit einer Vielzahl von Bildern und Musik­stücken am Piano das Porträt Brels, der seinerzeit wie ein Orkan über die Musikwelt hereinbrach. Brel bestach durch seine außeror­dentliche Präsentationskunst und beherrschte später die Chanson­tempel in Europa und der Welt. Für Rosteck ist Brel ein Gigant der Liedkunst, 'und wie bei der Piaf rei­chen hier vier Buchstaben aus, sich ein Gesicht vorstellen zu können', charakterisierte der Autor den Künstler. Wer Brel auf der Bühne er­lebte, erlebte einen Orkan, einen Magier und auch einen Ge­triebenen. Seine Performances gli­chen denen eines Stierkämpfers, wenn er Geschichten von Liebe und Tod, von Herz und Mensch sang. Er war Rebell und Rampensau, aber er war auch ein wenig wie Don Quixote.


 

Rosteck verwendet lange, aber nie langweilige, weil kraftvolle Aufzäh­lungen, um das Leben Brels nach­zuzeichnen. Dieser sei Liederma­cher, Sprachkünstler, Interpret und Literat gewesen, der ein Händchen für Metaphern hatte. Brel bezirzte sein Publikum durch sein Auftreten und sein Repertoire. Nach 1967 lebte er exzessiv seine anderen Leidenschaften: Frauen, Filmemachen, Fliegen und Segeln. Segeltouren führten ihn schließlich ans Ende der Welt nach Polynesien. Auf der Insel Hiva Oa lebt er mit sei­ner letzten Gefährtin Maddley als di­rekter Nachbar von Paul Gauguin, in dessen Nähe er bestattet wurde. Hier warf er sein früheres Leben über Bord und fand zu einem einfa­chen, neuen, ganz anderem Dasein, verdingte sich als fliegender Brief­träger und Krankentransporter mit seinem Flugzeug 'Jojo' und wähnte sich angekommen. Bis er mit nur 49 Jahren an Lungenkrebs starb.


 

Rosteck gewährte dem Zuhörer einen Blick hinter die Kulissen der Einsamkeit Jacques Brels. Er zeig­te eine andere Seite eines groß­herzigen und selbstlosen Men­schen, der auf 'seiner Insel' Emotio­nen wie warme Semmeln verteilte. 'Brel ist Teil von Hiva Oa geworden, weil er sie geliebt hatte', schloss Ro­steck einen eindrucksvollen Vortrag."

Oberbadische Zeitung, 11. März 2016


 
 

Hommage an einen Sänger

Der Offenburger Jens Rosteck hat eine Biographie über Jacques Brel geschrieben.

'Niemand ist eine Insel', hat bekanntlich der Dichter John Donne gesagt. Jens Rosteck sieht das anders. Zumindest in diesem Fall: 'Der Mann, der eine Insel war', nennt der Autor sein Buch über Jacques Brel. Und er meint es im doppelten Sinne: Der große belgisch-französische Chansonnier war eine künstlerische Gestalt, die ganz für sich steht, ohne Vorläufer und Nachahmer. Und er war ein Mann, der Eilande liebte. Auf der Flucht vor dem Ruhm und dem ruhelosen Künstlerleben fand er in der Südsee, auf Hiva Oa seine letzte Bestimmung.

Dass Jens Rosteck sein Brel-Buch im Hamburger Mare Verlag mit seiner Meeres-Zeitschrift veröffentlicht, passt da natürlich bestens. Frühere seiner Künstlerbiografien, etwa über Edith Piaf, Bob Dylan oder Kurt Weill und Lotte Lenya (Untertitel dieses Buches: 'Zwei auf einer Insel') erschienen woanders. Rosteck ist studierter Musikwissenschaftler, Konzertpianist und Ex-Kabarettist. Gebürtiger Niedersachse, hat er zweieinhalb Jahrzehnte in Frankreich gelebt, ehe er sich im vergangenen Jahr in Offenburg niederließ. Im Südbadischen, in Grenzach-Wyhlen, wird er auch am heutigen Dienstag die erste Lesung aus seinem neuen Werk machen.

 
Es ist keine jener Künstlerbiografien, die mit Details aus dem Leben des Objekts überfrachtet sind. Sondern eine schöne Hommage von einem kundigen Autor. Auf 240 Seiten zieht Rosteck große Linien durch Brels Leben, wie die seiner Hassliebe zu seinem Heimatland Belgien, macht an wichtigen Punkten halt und erzählt bedeutungsvolle Geschichten. Zum Beispiel, wie der 1929 geborene Brel die Jahre der deutschen Besatzung als Jahre der Befreiung erlebte – weil in seiner katholischen Schule Kultur dem Krieg entgegengesetzt wurde. Oder wie er 1961 zu seinem ersten Auftritt im berühmten Pariser Olympia kam, weil Marlene Dietrich abgesagt hatte und dringend Ersatz gesucht wurde. Und wie er nur fünf Jahre später seinen Abschied von der Bühne nahm, ausgelaugt von seinen spektakulären Auftritten.


Denn Brel sang nicht nur, er verkörperte seine Chansons. Rosteck beschreibt seine mimischen Mittel, 'das dramatische Ballen der Fäuste, die wie Schwerter ausgefahrenen Arme, das Schlackern der Beine, die Schnuten, die er zog, das faszinierende, elastische Mienenspiel, das Blecken seines ungeheuren Gebisses, das trotzige Schütteln des Kopfes – sein Repertoire an Masken schien schier unbegrenzt'. So brachte Brel die Gestalten seiner Lieder auf die Bretter, die bigotten Bürger, die er verachtete, die betrunkenen Matrosen, mit denen er sympathisierte, die alten Liebenden, die er bemitleidete.


Immer wieder geht Rosteck auch auf die musikalischen Stilmittel Brels ein, wie seine buchstäblich atemberaubenden Presti und Temposteigerungen. Klassische Chansons wie 'Ne me quitte pas', 'Amsterdam' oder 'La valse à mille temps' charakterisiert Rosteck, aber auch seine persönlichen Favoriten wie das nachgelassene 'Avec élégance'. Und er erzählt nach, wie Brel in seinen Texten seinem Männerfreund Jojo ein Denkmal setzte oder sein gebrochenes Verhältnis zu den Frauen schilderte.


Und wie er Inseln besang. 'Les Marquises' heißt das letzte Lied auf der letzten, 1977, ein Jahr vor seinem frühen Tod, erschienenen LP von Brel. Es ist eine Hommage an die Inselgruppe, auf der er mit seiner letzten Geliebten Maddly ein einfaches Leben gelebt hatte und mit seinem geliebten Propellerflugzeug als Krankentransporter und Postzusteller fungiert hatte. Wo er sein spätes Glück fand, das er – wie Rosteck mit anderen Liedern belegt – früh ersehnt hatte.


'Les Marquises', so der Biograf, sei 'kein Gesang der Desillusion, sondern das Resümee eines Weisen. Ein Appell sich zu bescheiden und sich nicht länger zu beschweren.' Wohl dem, der so weit kommt.

Badische Zeitung, 8. März 2016




Ein Buch, das in der Unglückserfahrung wurzelt


Jacques Brel kannte sich aus mit dem Unglück, und wenn er in seinen Chansons davon sang, vom Ende einer Liebe, vom Verlassenwerden, von Einsamkeit, dann litt er wie kein anderer. Schmal und bleich sang er etwa sein berühmtes "Ne me quitte pas". Jens Rosteck hat ein Buch über den früh verstorbenen belgischen Chansonnier geschrieben.

Es ist die Tristesse der bürgerlichen Verschwiegenheit, der Gefühlsunterdrückung, die etwa auch die Romane von Brels Landsmann Georges Simenon so explosiv macht, die ihn dazu drängt, eine Sprache zu finden - oder vielmehr zu erfinden, denn es gab ja keine Worte für die Leere der Existenz.


Das Buch von Jens Rosteck füllt eine Lücke - als erste ernstzunehmende deutschsprachige Monografie, die auch Brels Bühnenpräsenz einfängt und exemplarisch zumindest einige der Chansons erklärt. Beim Biografischen beschränkt sich Rosteck auf das Wesentliche, beschreibt manchmal literarisch verdichtet, was die rebellische Künstlerpersönlichkeit geprägt haben mag: das Durchschauen der familiären Fassade, hinter der beide Elternteile einander betrügen etwa.


"Weil er großes Lampenfieber hatte", so Rosteck, "hat er sich vor jedem Auftritt die Seele aus dem Leib gekotzt, bevor er auf die Bühne gehen konnte (...).

Er hat versucht, sich auszuprobieren. Sein ganzes Leben ist eine Art Leben auf Probe; sobald er merkt, dass etwas rund läuft, wird er misstrauisch und will es nicht weiter machen."

Kaum ein Jahrzehnt währt Brels Höhenflug, zu Gast auf den Bühnen der Welt. Vor 50 Jahren, im Oktober 1966, gab er seinen fulminanter letzten Auftritt im Pariser Olympia; nur fünf Jahre, nachdem er dort zum ersten Mal im Hauptprogramm aufgetreten ist. 

Noch einmal beginnt er ein anderes Leben: Versucht sich als Filmregisseur, sammelt und fliegt Flugzeuge, beginnt eine Weltumseglung. Die im Fiasko endet: im Zerwürfnis mit der Tochter und mit der Diagnose Lungenkrebs. Nach einer Operation segelt Brel weiter, mit seiner letzten Geliebten, der Tänzerin und Schauspielerin Hélène Bamy. Nach 60 Tagen erreichen sie die Südseeinsel Hiva Oa, rund 70 Jahre zuvor letzter Wohnort und Ruhestätte des Malers Paul Gauguin. 

Die Insel wird auch Brels Zuflucht und er zum guten Menschen, der den Insulanern als Pilot dient, den Kindern die ersten Filmvorführungen ihres Lebens organisiert. Im Oktober 1978 stirbt Jacques Brel, nachdem er im Jahr zuvor ein letztes Album aufgenommen hat. Es heißt "Les Marquises" wie das Archipel, auf dem der von seinen Fans, der Presse und wohl vor allem von sich selbst Getriebene zumindest vorübergehend Ruhe gefunden hat.

Ö1 / ORF, Österreichischer Rundfunk Kultur, Ex Libris, Mai 2016




Warum ist dieses Buch über das Leben des berühmten Sängers (und weniger berühmten Schauspielers) Jacques Brel so bewegend? 

Weil man beim Lesen spürt dass man verdammt noch mal sein Leben zu leben hat – und zwar aus dem Vollen, mit Leidenschaft, bis zum Anschlag!

Mit Empathie aber auch Abstand, objektiv und mit viel Sachverstand geht der Autor Jens Rosteck an das Leben von Brel heran, ein ebenso kurzes wie turbulentes Feuerwerk. Angesichts eines solchen Lebens wäre es ein leichtes, beim erzählen in Klischees zu verfallen und auch, sich in gängigen Moralvorstellungen zu verstricken – beides vermeidet der Autor. Er zeigt die vielen verschiedenen Facetten von Brel auf und zeichnet, unterhaltsam und spannend geschrieben obendrein, ein faszinierendes Bild von diesem in mehr als einer Hinsicht außergewöhnlichen Menschen.

Ein „Naturereignis“ auf der Bühne, lebte er in einer Parallelwelt – vielleicht auch in mehreren. Seine Familie verließ der ewig suchende, fliehende früh, blieb seiner Ehefrau gegenüber jedoch auf seine eigene, eigenartige Weise loyal, ließ sich nie scheiden und übertrug ihr und den Töchtern sein gesamtes Erbe. Seinen Töchtern gegenüber war er dennoch der schlimmstmögliche Rabenvater; auf der anderen Seite steckte er, und sehnte sich, nach extrem viel Liebe und Zärtlichkeit. Lebte auf und schwelgte einige Jahre im Weltruhm, nur um all das abrupt zu beenden und sich, als Segler und als Pilot, mit einer seiner Geliebten, der Auserwählten aus vielen Affären, in die Südsee zurückzuziehen wo er, wie vor ihm schon der Maler Paul Gauguin, auf der Insel Hiva-Oa endlich sein irdisches Glück fand. Wie viel Schaden darf man anrichten, um auf der anderen Seite selber glücklich zu werden?

Widersprüche durchziehen aber auch sein künstlerisches Werk: „Verstand er sich in erster Linie als Musiker, Bühnendarsteller, Mime oder Prediger? Definierte er sich eher als Songwriter oder als singender Pädagoge, als Liedermacher oder Sprachkünstler? War er, als Partitur-Unkundiger, „lediglich“ Interpret? Handelte es sich bei ihm nicht vielmehr um einen Narziss im Gewand eines Weltverbesserers? Taugte er, der als katholischer Pfadfinder heranwuchs und zu Beginn seiner Karriere nicht selten als „Abbé Brel“ liebevoll verspottet wurde, überhaupt zum Klerus-Kritiker, zum „engagierten“ Künstler oder politischen Sänger? Bezog er Stellung? Wen genau stellte er an den Pranger?“ So fragt der Autor gleich zu Beginn des Buches und nähert sich diesen, aber auch vielen anderen Fragen und Rätseln im Phänomen Brel auf, wie schon erwähnt, gründliche und unterhaltsame Weise.

Das Buch bewirkt dreierlei. Es bringt einem den Menschen Brel näher, mit allen seinen Problemen und Widersprüchlichkeiten aber auch allen guten Seiten. Es macht Lust darauf, sich wieder einmal in seine Chansons zu vertiefen, oder, sollte man diese noch nicht kennen, sie zu entdecken, zu hören – und nach der Lektüre dieses Buches ganz sicher mit anderen Ohren, als vorher. Vor allem aber wird einem klargemacht, dass ein Leben zum Leben da ist. Dass man zumindest versuchen sollte, mehr aus sich zu machen, seine Träume zu realisieren und nach den Sternen zu greifen und dass ein Scheitern keine Schande, sondern Ansporn ist. Und das, auch dies eine große Wahrheit, alleine der Anspruch zählt, der Wille, der Versuch – und nicht unbedingt das Ergebnis. Brels Chansons sind genial und groß und zeitlos. Sie zeigen immer wieder alle menschlichen Fehler und Schwächen. Das einzige, was wir tun können? Versuchen wir wenigstens, es besser zu machen. „Hundert Prozent Mut, Wahnwitz und Großzügigkeit!“ So charakterisierte sein Freund Claude Lelouch ihn nach seinem frühen Tod.
Darüber hinaus bietet das Buch noch einige vielleicht seltene, auf jeden Fall schöne Fotos, eine sehr ausführliche Zeittafel mit den wichtigsten Ereignissen, beginnend mit seiner Geburt aber die über seinen Tod bis heute reicht, sowie „Diskografische Empfehlungen“. Letztere besondern wertvoll für einen Ahnungslosen wie mich, der durch das Buch gerade Brels Welt entdeckt hat und nun das Interesse an seinem Werk spürt, das angesichts der Flut an erschienen Tonträgern für mich vollkommen unübersichtlich ist. Keine Ahnung, wie sich in diesem Dickicht zurechtfinden, da hilft dieses kurze Kapitel. 
Kurzum: Ein tolles Buch, voller Leben und Inspiration, weniger für eingefleischte „Brelianer“ sondern eben für Leute wie mich, die zwar schon mal was von Brel gehört haben, aber sonst nichts von ihm wussten.
Literaturboot, April 2016




Da hat mich doch  Jens Rosteck mit seinen detaillierten Paraphrasen des letzten Albums von Jacques Brel dazu gebracht, in meinem alten Platten zu wühlen – und ja, ich habe diese Platte auch. Damals bin ich mit ihr nicht klar gekommen – wahrscheinlich auch, weil im Gegensatz zu den anderen Alben in meinem Besitz (Vesoul, Amsterdam, Ne me quitte pas) die Texte nicht mit abgedruckt waren.

Aber hier geht es nicht um mein mittelmäßiges Französisch , sondern um die Biografie des Mannes, den Jens Rosteck eine Insel nennt: „Der Mann, der eine Insel war“, dieser Untertitel gibt die Richtung vor.

Einerseits folgt Jens Rosteck dem Leben Brels chronologisch, andererseits weitet er in einigen Abschnitten den Blick über den aktuell bearbeiteten Zeitraum aus.

Jens Rosteck schildert nicht nur das Leben dieses Ausnahmekünstlers mitreißend, sondern befasst sich in besonderer Weise auch mit den Texten, ihrem poetischenn Gehalt und, als Musikwissenschaftler verständlich, mit den Charakteristika der brelschen Musik. Sehr erhellend. Eine lesenswerte Biografie. Und bei uns läuft wieder mehr Musik von Brel – nach Jahren.

Kölner Leselust (Blog), Mai 2016




Eine lebendige und überaus gelungene, so lesenswerte wie lesbare informative biografische Umkreisung des belgischen Chansonniers Jacques Brel


Rostecks biographische Umkreisung ist bei der psychologischen Ausleuchtung einsichtig und überzeugend und -  er ist Musikwissenschaftler und Pianist - erhellend, wo er sich über die musikalischen Strukturen, Einflüsse und Anreger Jacques Brels beugt.

Buchkultur, Juni/Juli 2016

 

Das ist lebendige Kultur- und Musikgeschichte. Und man lernt einen Menschen kennen, den die Welt noch heute so dringend brauchen könnte. Jens Rosteck beschreibt einen Kämpfer, der, egal, was es kostet, für seine Leidenschaft(en) brennt: Im Kleid eines Chanson-Sängers und mit dem Talent eines Poeten.

Was für ein Leben, was für ein Buch!

Moka Büchermagazin, Juni 2016

 

Ausbruch und Aufbruch

Jens Rosteck erzählt das Leben des belgischen Chansonstars Jacques Brel

Rosteck macht keinen Hehl aus Brels Schwächen, seiner Bindungsunfähigkeit, den zahlreichen Affären und den Anfällen von Misogynie.

Große Sänger, die zugleich große Dichter sind, gehen nie so ganz. Lange nach ihrem Tod sind ihre Lieder immer noch lebendig, die Menschen singen sie in den Straßen. Niemand hat das schöner ausgedrückt als der französische Chansonnier Charles Trenet. In seinem Lied „L'Âme des poètes“ heißt es: „Longtemps, longtemps, longtemps / Après que les poètes ont disparu / Leurs chansons courent encore dans les rues.“ Es folgt ein irritierender Gedanke. Die Menschen haben den Namen des Sängers und Autors längst vergessen, dessen Lieder ihr Herz berühren: „La foule les chante un peu distraite / En ignorant le nom de l'auteur / Sans savoir pour qui battait leur cœur.“

Das muss nicht so sein. Es gibt Unvergessene, Unsterbliche wie Trenet, wie Edith Piaf und Jacques Brel (1929-1978). Brels Alben sind nach wie vor populär, junge Musiker adaptieren seine Lieder, und das Interesse am kurzen Leben des Sängers und Schauspielers hat nicht nachgelassen.


Der deutsche Autor Jens Rosteck, der bereits mit einer Biografie von Edith Piaf hervorgetreten ist, erzählt in seinem Buch „Brel. Der Mann, der eine Insel war“ von einem Sänger, der extreme Emotionen entfesseln konnte („Orkan Brel“), der aber zugleich ein Getriebener war, ein Unruhegeist: „Nichts fürchtete er mehr als Langeweile, Monotonie, geistige Unbeweglichkeit, Sesshaftigkeit.“ 

Konsequenterweise beendete er seine Bühnenkarriere schon 1967. Was danach in Brels Existenzprogramm folgte: Filme machen, reisen, fliegen, segeln, fliehen.

Glück auf Erden erlebte Brel nur selten, auch nicht mit Frau Thérèse und den Töchtern Chantal, France und Isabelle, die er kühl vernachlässigte. Erst auf der im südöstlichen Pazifik gelegenen Insel Hiva Oa genoss er ab Mitte der 1970er Jahre in der Gesellschaft von Hélène Bamy, genannt Maddly, das Leben. Am 9. Oktober 1978 starb er im Alter von 49 Jahren an Herzversagen als Folge einer Lungenembolie.

Der in Brüssel geborene Brel musste einen langen Weg zum Künstlergipfel zurücklegen; den Erfolg fand er erst in Frankreich. Rosteck schreibt von entbehrungsreichen Hungerjahren und Hundejahren. Auftritte fielen Brel nicht leicht, stets musste er sich vor Konzerten übergeben. Er verehrte Schubert und Ravel und fand in dem Komponisten und Pianisten Gérard Jouannest einen kongenialen Partner.


Rosteck ist ein ausgewiesener Musikkenner und versteht es, die Qualitäten von Chansons wie „Les Désespérés“ und „Les Biches“ herauszuarbeiten. „Amsterdam“ widmet er mehrere Seiten. 1964 konfrontierte Brel im Pariser Olympia das Publikum mit dem Lied. Brel, schildert Rosteck, „lebt dieses Lied mit jeder Faser seines Seins; sein Leib verwandelt sich binnen dreier Minuten in diesen schäbigen Hafen der Wollust und der Trunkenheit, in einen Abgrund der Liebessehnsucht und des Schmutzes, der Triebe und des Gestanks“.


Immer wieder ließ Brel seinem Hass gegen alles Dumpfe, Engstirnige, Reaktionäre und Neofaschistische freien Lauf, schreibt Rosteck. Sein neben „Amsterdam“ berühmtestes Chanson, „Ne me quitte pas“, ist ganz und gar unpolitisch. Man kann es als pathetisches, zu Herzen gehendes Liebes- und Abschiedslied hören. Doch genauer betrachtet, bettelt und winselt hier ein Mann, er demütigt und erniedrigt sich. Selbstmitleid, Narzissmus und Masochismus sind der Stoff, aus dem „Ne me quitte pas“ entstanden ist. Der hündischen Ergebenheit des lyrischen Ichs konnte Edith Piaf nichts abgewinnen, erinnert sich Jens Rosteck: „So etwas solle, ja so etwas dürfe ein Mann gar nicht singen!“

Brel blieb auch nach 1967 künstlerisch aktiv, zum Beispiel als Schauspieler und Regisseur. „L'Emmerdeur“ (deutsch: „Die Filzlaus“) macht auch heute noch viel Spaß. Neben Lino Ventura verkörpert Brel eine Nervensäge mit suizidären Tendenzen.

Rosteck macht keinen Hehl aus Brels Schwächen, seiner Bindungsunfähigkeit, den zahlreichen Affären und den Anfällen von Misogynie: „Brel erlebte die Frau verallgemeinernd als Bremse männlichen Tatendrangs.“ Zum Ende seines Lebens beschäftigte sich der Sänger, der 1974 erstmals wegen einer Krebserkrankung in Brüssel operiert wurde, intensiv mit Einsamkeit und Tod. Der Tod war seit jeher ein Leitmotiv seines Werkes.

Als er 1978 nach Paris zurückkehrte, um sich einer Chemotherapie zu unterziehen, jagten ihn die Paparazzi. Er wolle zwischen Frauen und Flaschen sterben („Entre le cul des filles et le cul des bouteilles“), hatte Brel in „Mourir pour mourir“ gesungen. Sein Wunsch wurde nicht erhört. Der Sänger starb in einem anonymen Krankenzimmer im Hôpital Franco-Musulman im Pariser Nordosten.

General-Anzeiger Bonn, Juni 2016


Rosteck gelingt es, alle Facetten auszuleuchten, die schönen wie die hässlichen.

taz, Juni 2016